Luftgestützte EKF in der Schweizer Luftwaffe

Ausstellung in der Halle 8

 

v.l.n.r. Peter Hauser im Interview mit Andrea Lareida Peter Egli und Peter Steiner

 

Seit August 2025 besteht in der Halle 8 des Flieger Flab Museums eine EKF-Ausstellung (Elektronische Kriegführung), welche durch Mitglieder der ehemaligen Fliegerstaffel 24 und Beizug eines Bruders aufgebaut wurde. Einsatzmittel der ersten Zeit bis zum letzten eigenen Trainingsstörsender sind dort zusammen mit denTrägerflugzeugen DH-115 Vampire Trainer (VT), Hawker Hunter T Mk 68 (HT),
Pilatus PC-9 (P9) (nur temporär), Northrop F-5F Tiger II (TF) sowie Sud Aviation SE.3160 Alouette III (A3) ausgestellt.

(Geöffnet jeweils von 1430 bis 1530, 1h-Spezialführungen mit Spezialist im Angebot)

 

Zu Beginn wurden diese Mittel durch die ehemalige Gruppe für Rüstungsdienste (GRD) getestet und teilweise auch eingesetzt. Danach war Personal des Bundesamtes für Militärflugplätze (BAMF Werkflug) und teilweise des Überwachungsgeschwaders (UeG) sowie Instruktoren der FF Na/Uem für den Einsatz verantwortlich. Die luftgestützten EKF-Mittel wurden immer aus einem Doppelsitzer-Flugzeug oder Helikopter durch einen Bordoperateur (BO) eingesetzt.

Die Fachstelle für luftgestützte EKF wurde, durch Oberst Stalder initiiert, erst Ende der 70er Jahre eingeführt. Erster C FD EKF war Oberstlt Bezzola, ab 1978 leitete Peter Egli diese Fachstelle, zu dieser Zeit im Range eines Hptm.

 

Peter Egli, was hast Du vorgefunden, als Du die Fachstelle EKF im Überwachungsgeschwader übernommen hast?

Im Fachdienst EKF lag der Fokus darauf, für die fliegenden Besatzungen ein realistisches elektronisches Umfeld (EKF-Klima) zu schaffen. Jede Hunter-Staffel absolvierte jährlich einen Trainingskurs (EKF-TK) in der «Taktischen-EKF-Trainings-Anlage» (TEKTA), wobei als «Gegner» Flab-Feuerleitgeräte und spezialisierte Auswertesysteme zum Einsatz kamen. Die Jägerstaffeln nutzten als Ziel wochenweise einen Hunter-Trainer (HT), der mit dem Störsender VISTA IV ausgerüstet war.

Die technischen Fachkenntnisse erwarb ich vorher in der Sektion EKF im Kommando der Flieger- und Flabtruppen. Basierend auf nachrichtendienstlichen Erkenntnissen sowie den Einsatzmöglichkeiten von Radarwarnsystemen (RWS) und Täuschkörperanlagen (Chaff/Flare) wurden dort die technischen Grundlagen für den Einsatz der EKF-Mittel auf den Luftfahrzeugen erarbeitet – eine Aufgabe, die heute in den Zuständigkeitsbereich der Zentralstelle für Bedrohungsanpassung (ZBA) fällt.

 

Peter Steiner, Du warst einer von 7 Bordoperateuren der ersten Stunde (1979). Was war Dein erstes Gerät, das Du bedient hast?

Bereits im 2. Teil der Bordoperateurschule wurden wir an den damals vorhandenen Stör- und Täuschsystemen ausgebildet. Die Vampire Trainer 1203 und 1205 waren vollständig ausgerüstet mit den anderweitig beschriebenen Systemen.

Die Schulung auf den Hunter Trainer fiel auch in diese Zeit. Diese waren mit dem Radarwarnsystem (RWS-77) MELPAR und dem Chaff-Flare Dispenser 76 (CFP 76) (Pod am rechten Aussenflügel) ausgerüstet.
Die Frage ist somit nicht konkret beantwortbar, da die Ausbildung an den vorhandenen Systemen parallel erfolgte.

 

Andrea Lareida, 1981 bist Du in der 2. Bordoperateurenschule ausgebildet worden. Im selben Jahr wurde der Trainingsstörer VISTA 4 auf dem Hunter Trainer J-4204 erstmals eingesetzt. Wie sahen die Einsätze dazumal aus?

Ich hatte das Glück, als Ingenieur des BAMF schon bei der Flugerprobung des VISTA-4 (Pod am linken Aussenflügel) mitwirken zu können. Das war natürlich sehr spannend, bedingte viel Vorbereitung und Auswertungsarbeit.
Während die EKF-Einsätze gegen die Flab schon bei der Planung und Organisation viele Absprachen bedingten, dann auch die Flüge selbst mit bis zu 28 Wiederholungen der Piste körperlich intensiv waren, stellten sich die grossräumigen EKF-Einsätze, wie Flüge gegen das Flab-Lwf System BL-64 und Radarinterzeptionen durch Jäger, als eher «langfädig» heraus. Minutenlanges halten von Höhe und Heading, bis dann urplötzlich g-intensive Abwehrmanöver folgten.

 

Was alles beinhaltet bordgestützte Elektronische Kriegführung? Kann jemand das kurz und für alle verständlich formulieren?

Peter Steiner. In Kampfflugzeugen dient bordgestützte elektronische Kriegführung der Aufklärung, dem Selbstschutz und der aktiven Beeinflussung des Gegners durch elektronische Mittel, unmittelbar vom eigenen Trägersystem aus. Dies geschieht heute weitgehend automatisiert.

Bei spezialisierten EKF-Flugzeugen ist der Hauptauftrag nicht der klassische Waffeneinsatz, sondern der Kampf im elektromagnetischen Spektrum – also gegen Radar, Funk, GPS, Sensoren und Lenk­systeme des Gegners.

 

Peter Egli, welche Einsatzkonzepte bestanden bereits und welche waren mit den vorhandenen Mitteln zukünftig vorgesehen?

Der Einsatz der EKF-HT verfolgte ursprünglich das Ziel, diese entweder als Begleitschutz in Jagdbomberverbände einzubinden oder durch gezielte elektronische Stör- und Täuschmassnahmen die gegnerische Fliegerabwehr von den angreifenden Jabo-Verbänden abzulenken. Ein weiterer Auftrag bestand in der Raumverchaffung, um anfliegende Verbände elektronisch zu verschleiern.

Aufgrund der Tatsache, dass lediglich ein einziges von 2 vorhanden Störsystemen zur Verfügung stand, verlor dieses Einsatzkonzept im Verlauf der Zeit zunehmend an taktischer Bedeutung. In der Folge wurden die HT primär für Ausbildungs- und Übungszwecke eingesetzt. Ziel dieses Einsatzes war es, für die beteiligten Verbände eine fein abgestufte Bandbreite unterschiedlicher elektronischer Störlagen bereitzustellen, welche die Leistungsfähigkeit der Detektionssysteme beanspruchte und die Bedienmannschaften zur Anwendung angemessener Gegenmassnahmen zwang.

 

Andrea Lareida, Du als ausgewiesener Elektronik-Spezialist; auf welchem technischen Level waren wir mit unseren Mitteln im Vergleich gegenüber ausländischen Störgeräten?

Die Radarwarnsysteme unserer Jäger Dassault Mirage IIIS, F-5E/F TIGER II und F/A-18 waren schon immer absolut «state oft the art» und deren Bedrohungs-Datenbank wurde durch die entsprechende Fachstelle Zentralstelle für Bedrohungsanpassung (ZBA) aktuell gehalten.

Ausser den modernen Selbstschutzsystemen im F/A-18 und Eurocopter AS532UL Cougar Mk1 haben wir in der Luftwaffe nie über ein taktisches Stör-/Täusch-System verfügt – das ist Fakt. Hingegen haben wir von ca 1980 bis 2023 sehr erfolgreich verschiedene Generationen von Trainingssystemen betrieben und damit den Jägerpiloten und den Radar-Operatoren ein ausgezeichnetes und erst noch stufengerechtes EKF-Trainings-Szenario liefern können. Aus Einsatzerfahrungen bei ausländischen Luftwaffen kann ich sagen, dass wir um unsere Systeme und Trainingsszenarien sogar beneidet wurden. Mit dem A100, alias VISTA-5, hatten wir ab 1991 ein absolut modernes, adäquates und durchaus zuverlässiges System im Routine-Einsatz.

 

Peter Steiner, Du warst Fachinstruktor im Zentrum für Elektronische Kriegführung und Ausbildung der Luftwaffe (ZEKFA) und hast allen Offizieren der Luftwaffe die theoretischen Grundlagen EKF vermittelt. In der Milizfunktion warst Du Bordoperateur.

Diese Symbiose war während meiner gesamten beruflichen und fliegerischen Karriere im Bereich EKF Gold wert. Ich kannte so aus meiner beruflichen Tätigkeit im ZEKFA viele der später durch uns mit den Flugzeugen beübten Personen persönlich. Das vereinfachte das Erstellen relevanter und auf das jeweilige System abgestimmter Übungen und deren Korrekturen durch effizientes Feedback.

Umgekehrt flossen die Erkenntnisse aus der fliegerischen Tätigkeit auch direkt zurück in die Ausbildung im Theoriesaal.

 

Peter Steiner, was waren Deine Aufgaben als BO?

Grundsätzlich und primär die Bedienung der Stör- und Täuschsysteme gemäss den Vorgaben bzw. Wünschen der zu Beübenden.

Dazu kam die Mithilfe bei der Planung und der Durchführung der Einsätze, also Flugvorbereitung, Navigation und besonders bei VT und HT die Luftraumüberwachung auf der rechten Seite, da wir ja nebeneinander im Flugzeug sassen. Je nach Cockpitausrüstung und persönlichen Kenntnissen wurde auch eigentliche 2-Man-Ops praktiziert

 

Andrea Lareida, Stören von Radar-Lenkwaffen dürfte aufgrund des Zeitfaktors wohl etwas vom Komplexesten sein?

Radar-Lenkwaffen per se zu stören ist gelinde gesagt zu spät. Ziel vonEKF-Massnahmen muss sein, das Lenkwaffen-System als ganzes am Einsatz zu hindern. Dies bedeutet, dass möglichst schon die Zielerfassung erschwert oder verunmöglicht wird.
Sobald die Lenkwaffe das Ziel verfolgt – erst recht, wenn sie unterwegs ist, kommt inder Tat der Faktor Zeit ins Spiel – sie wird sehr knapp, es geht um Sekunden, höchstens um Minuten.

Beispielsweise das Flab-Lwf System BL-64 war allein schon systembedingt sehr resistent gegen Radarstörungen und Täuschungen. Diese beinahe-Immunität wurde über die Zeit nicht bloss im Rahmen von Kontrollschiessen getestet, sondern auch erweitert. Indes, das System wies 2 konzeptionelle Mängel auf, welche mit der Verfügbarkeit von präzisen Abstandswaffen, wie lasergelenkte Gleitbomben und Cruise-Missiles, aufgrund der ortsfesten Einrichtung fatal zum Todesurteil wurden. Selbstverständlich wäre auch die Verfügbarkeit von Ersatz-Komponenten aus den 50-er Jahren, wie z.B. Elektronenröhren, zunehmend zum Problem geworden.

 

Peter Egli, welche Mittel hättest Du Dir zusätzlich gewünscht?

Rückblickend hätte ich mir deutlich früher die Verfügbarkeit eines leistungsfähigen Störsenders gewünscht. Im Rahmen der VIDSEL-Kampagne in Schweden wurde das Thema EKF intensiv diskutiert. In diesem Zusammenhang hatte ich die Gelegenheit, den auf einer Saab 32 Lansen eingesetzten Störsender A 100 im Einsatz gegen einen Saab JA 37 Viggen (schwedisches Jagdflugzeug) zu erproben. Dabei erkannte ich das erhebliche Potenzial dieses Systems und beantragte daraufhin die Überprüfung einer möglichen Beschaffung. Leider zog sich dieser Prozess über einen zu langen Zeitraum hin, sodass wir zwischenzeitlich sogar gezwungen waren, für unser Training Lansen-Flugzeuge in die Schweiz einzumieten.

 

Peter Egli, wie hast Du das EKF-Commitment auf oberer Stufe eingeschätzt?

Die Relevanz von EKF war unbestritten, jedoch verzögerte sich die praktische Umsetzung erheblich. Die Einschätzung der Wirksamkeit der Mittel war für nicht direkt Involvierte sehr schwierig und unterlag Priorisierungen?

 

Andrea Lareida, als Vater der EKF-Ausstellung, wie repräsentativ beurteilst Du diese Ausstellung?

In Bezug auf die schweizerische Luftwaffe ist die ausgestellte Sammlung sehr umfassend und ja, auch repräsentativ. Es fehlen an Objekten lediglich der Chaff-Dispenser BOZ, der Störsender VISTA-2, der Funkstörer «Funk-EKF Trainer-77» (FET-77), auch «Düdel» genannt, die GRILLE und – aus Gründen der Klassifikation die beiden taktischen Systeme.

Die Ausstellung vermittelt dem Besucher einen Überblick über die Geschichte und die Mittel in der Schweiz, zeigt das Material, das ab den ersten, standardmässig in der Ausbildung der Jägerpiloten und Radar-Operatoren eingesetzten passiven und aktiven Stör- und Täuschmitteln bis hin zum letzten, von der Luftwaffe eigenständig betriebenen Trainings-Sender VISTA-5 (A100 Erijammer).

 

Die Ausstellung wurde aus Platzgründen lediglich temporär in der Halle 8 konzipiert.

 

Die Initianten hoffen auf längeren Bestand der gesamten Ausstellung.